Spielregeln: Die Geschichte wird (eigentlich) jede Woche Sonntags fortgesetzt. Da es phantastische Elemente gibt, habe ich ein Wörterbuch (unter dem Foto über diesem Artikel!!!) eingerichtet, in dem alle “speziellen” Worte übersetzt werden und Du so mein Märchen ohne Probleme genießen kann.
p.s.: Wenn jemand Lust hat, mit zu schreiben, eine Figur weiter zu entwickeln, ist er/sie herzlich eingeladen. Es ist gewünscht, diese Geschichte als eine Art offene Geschichte zu begreifen und zu erweitern!
Für die Hörversion müsst Ihr Euch leider noch etwas gedulden.
Viel Spaß!
Kapitel V
“Was, äh, was willst Du hier?!“
Ein Riese stand schnaubend und zitternd vor ihr und versperrte dem Mädel den Weg. Unsere Heldin wollte laut los schreien, doch die zwiespältige Erscheinung des Riesen war verwunderlich: Er war doppelt so groß wie sie, sah jedoch wie ein Kind aus.
„Ich will zur Base.“
„Was… Was… Was willst Du von ihr?“
„Geht Dich gar nichts an!“ Das Mädelchen wurde aus irgend einem Grunde trotzig, schließlich war sie nicht so weit gelaufen, als sich von einem Zwergenriesen, wie dem vor ihr Stehenden den Saft verpfeffern zu lassen.
„Ich hab doch nur gefragt!“, meinte der Riese und fing auf einmal fürchterlich an zu heulen. „Alle hacken immer auf mir rum!“
Von den Gesümpfen drang hämisches Lachen.
„Hahaha, seht Euch mal die trübe Zuckerzecke da an!“
„Der macht sich gleich in die Buxen!“
Unser Mädchen ahnte langsam, was hier vor sich ging und bekam großes Mitleid mit dem Riesen. Sie dachte nach, wie sie ihn beruhigen könne.
„Ist schon gut, entschuldige, wenn ich zu bullig rüber kam. Wer hackt denn immer auf Dir rum?“
„Na die Gräser! Sie sagen immer, ich wär´ zu klein für einen Riesen.“
„Na bist Du doch auch, Du verlorener Kräuterkrebs!“ Wieder wurde höhnisch gelacht.
„Du sollst zu klein sein? Du bist der riesigste Riese, den ich je getroffen bin.“, meinte unsere Heldin verdutzt.
„Was? Glaub ich nicht!“
„Aber sicher! Wie alt bist Du denn?“
„Ich weiß nicht genau, so zwischen 5 und 10?“
„Aber dann wirst Du doch noch weiter wachsen. Und richtig riesig werden. Vielleicht, der riesigste Riese, den es jemals gegeben hat!“
„Und wie?“
„Hm, weiß nicht genau. Aber vielleicht hat die Base ja eine Antwort für Dich parat. Ich will zu ihr, weil ich wissen will, wie man erwachsen wird. Komm mit, auf die Gräser kannst Du flöten.“
„Was? Wir kommen Dir gleich hin, Du Kellerkerze! Du Affenarzt! Verbiesterter Zappelzapfen“, schallte es von den Gräsern recht wütend zurück.
„Wie denn? Ihr seid fest gewachsen. Ihr könnt euch nicht bewegen! Und ein Schlag von einem Eurer Blätter zwiebelt sicher fürchterlich!“, gab das Mädchen zur Antwort und lachte laut los. Das imponierte dem Riesenkind sehr, und die Gräser gaben plötzlich klein bei.
„Da hat sie recht…“
„Verdammt. Sie sei verknotet, diese Matschmaus!“, und sie verstummten.
„Siehst Du?“.
Der kleine Große wunderte sich fortwährend. Da fragte das Mädchen: „Wie heißt Du, Riese?“
„Ich heiße Thomas Richter.“
„Weißt Du, wo die Base wohnt?“
„Ich glaub schon!“, platzte es aus ihm heraus„Komm mit!“ und er stampfte naiv los und wendete sich nicht mehr um. Unsere Heldin folgte ihm ohne Widerrede.
Und so liefen das Mädchen und der Riese den legendären blauen Weg entlang. Sie kamen ins Gespräch und unsere Heldin erzählte dem Riesen von ihrem Alltag und was sie so den ganzen Tag über macht. So verflog die Zeit und sie waren bald am brückenlosen Schlund angekommen.
Dort produzierte das Mädel Rost und aß die übrig gebliebenen, getrockneten Käfer auf. Der Riese war Vegetarier und winkte dankend ab. Nun erzählte das Riesenkind von sich und unsere Heldin erfuhr, dass er im Sumpf von den Gräsern gefunden und aufgezogen wurde. Am Anfang hätten sie nicht so gehänselt, aber nachher wäre es unerträglich geworden. Und immer wenn es brenzlig für das Gewächs geworden wäre, hätte der Riese sie verteidigt. Da meinte das Mädel, dass die Gräser ihrer Meinung in Wahrheit doch ihr eigenes Kleinfühlen überspielen wollten. Sicher fühlten sich die Gräser zu gering, oder vielleicht auch zu frech, was auch immer. Wenn sich Riesen zu klein und Zehnies zu jung fühlen können, warum sollten dann Gräser frei von Zweifeln sein. Und dass sie auf ihn angewiesen seien, so meinte unsere Heldin, sei doch ein Beweis dafür, wie sehr der Riese auf seine Rechte bestehen könnte. Auf die Frage, warum der Riese noch nicht abgehauen wäre, meinte er, dass er nicht wüsste warum. Bis vor einigen Jahren hätte er daran geglaubt, selbst ein Gewächs zu sein.
Das Mädchen machte sich zum Flug über den brückenlosen Schlund bereit und versuchte sich an alle Einzelheiten zu erinnern, die Scholle ihr zum Gebrauch des Drüsenanzuges erzählt hatte. Den Knopf hier drücken, die Lenkstangen fest gehalten und – Hui – mit einem beherzten Satz hatte sie den Übersprung geschafft. Kakakühn halt! Der Riese hingegen brauchte für den Schlund nur einen kurzen Anlauf zu nehmen, und zu springen. So konnte die Reise bald weiter gehen. Das Mädel fragte den Riesen aus, was er über die Base, den „Herzensweit“ und alles andere über die Gegend wusste und der Riese erzählte, das er die Base niemals bisher gesehen hatte. Wie lange die Base auf dem „Herzensweit“ wohnte, wusste er auch nicht. Die Reise wurde durch diese vielen Gespräche unendlich erträglicher, denn, liebste Heldin, ein neuer Freund ist so wertvoll, wie was zu essen.
Und sieh, Güte zahlt sich immer aus. Wenn das Streben nach Hohem mit Verletzungen anderer verbunden ist, sei es nichts wert, und es verdirbt den Charakter. Unsere Heldin ging es also gut mit ihrer hehren Absicht, sie wurde sich immer sicherer, das Richtige zu tun, dass sie ganz vergaß, wie unwohl es ihr die Tage zuvor manchmal gewesen war. Vergessen schien die Hoffnungslosigkeit, vergessen auch die Enttäuschungen. Und in jenem Moment empfand sie die Dinge, die ihr der Bruder und die Eltern gesagt hatten, nicht mehr als schlimm oder unfäir, sondern gewissermaßen auch als verständlich.